Kann sich ein 77 Jahre alter Esel in eine alte Frau von 74 Jahren verlieben?
Ich weiß es nicht! Es ist einfach so!
Klar, Sie sieht wesentlich jünger aus und ist ein bezauberndes Wesen. Bis jetzt war mein Leben so einfach. Ehe, Familie, Beruf, Freundin, alles stimmte. Meine Freundin ist 25 Jahre jünger als ich. Mit Ihr besuche ich Veranstaltungen, gehe Essen, treibe Sport, das ist auch schon alles. Freundin – nicht Geliebte. Und nun das, ich musste erst so alt werden, dass mich solche Gefühle überwältigten. Ich sah Sie zum ersten Mal auf einer Versammlung unseres Wandervereins. Sie saß vier, fünf Tische von mir entfernt, ich sah Sie, weil ich zwischen zwei gegenüber sitzenden Vereinsmitgliedern freie Sicht hatte. Ich beobachte Sie. Sie trug einen weißen Rollkragen-Pullover, es wurde Ihr warm, und mit zwei Fingern griff Sie in den Kragen; um ihn zu weiten, damit es etwas luftiger wurde. „Mein Gott“, dachte ich bei mir, „ist die schön! Das ist das Gesicht, von dem du seit deiner Jugend geträumt hast. Bei der stimmt alles.“
Und dann war über Monate Ruhe. Wir wanderten mit dem Wanderverein auf unterschiedlichen Wanderrouten, daher trafen wir uns nicht. Ich hatte Sie fast aus meinem Gedächtnis gestrichen, aber nicht vergessen. Doch eines Tages hatten wir denselben Wanderweg. Immer, wenn es während der Wanderung möglich war, ging ich neben Ihr. Sie hieß Dorothea. Auf der Rückfahrt saßen wir beide allein nebeneinander und ich roch und fühlte Ihre Nähe. Den ganzen Tag hatte es geregnet, wir waren nass bis auf die Haut.
Wieder in Köln angekommen, gingen wir nebeneinander die Treppen vom Bahnsteig runter. Und ich sagte leise zu Ihr: „Ich würde mich freuen, Dich wiederzusehen!“ Und Sie antwortete genauso leise: „Ich würde mich auch freuen, Dich wiederzusehen!“
In der Bahnhofshalle trennten sich unsere Wege, weil jeder so schnell wie möglich aus den nassen Kleidern kommen wollte. Aber es reichte noch, um sich für den nächsten Samstag zu der Wanderung verabreden zu können. Es war die Wanderung am Karnevalssamstag. Wir wanderten nebeneinander, ich ging mal hinter Dorothea, mal vor Ihr. Ich umkreiste Sie, wie die Fliege den Honig, und genoss jede Ihrer Bewegungen. Sie war mir so vertraut, als wenn wir ein Leben lang zusammen gelebt hätten.
Unsere Augen suchten sich, Ihr Lächeln ließ mein Herz höher schlagen und die beabsichtige Berührung unserer Körper war wie ein Blitzschlag im Gewitter.
Wie gern würde ich Sie in die Arme nehmen, mich zu Ihr beugen und mit meinem Finger über Ihre Lippen streicheln und Ihre Augen und den Mund küssen. Mit meinen Händen würde ich Ihren Körper erforschen, und wenn das Verlangen uns beide übermannte, würden wir unsere Liebe genießen, so träumte ich vor mich hin.
Sie wohnt in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs. Wir brachten unsere Rucksäcke, nach der Wanderung, in Ihre Wohnung und gingen zum Eigelstein, um in einer Wirtschaft Karneval zu feiern, und wenn uns einer in der Kneipe fragte, was für ein Kostüm wir anhätten, zeigten wir auf unsere dreckigen Schuhe und sagten: „Wanderer!“
Wir standen eng aneinander gedrückt und in dem Trubel beichtete ich Ihr meine Liebe und erzählte Ihr meinen Traum von Ihrem Gesicht.
Hand in Hand gehend brachte ich Sie nach Hause. Und beim Abschied hauchte ich Ihr einen Kuss auf Ihre bezaubernde Nase.
Eine Woche verging, bis wir uns wieder trafen. Ich holte Sie mit meinem Wagen ab und legte Ihr eine rote Rose auf den Sitz.
In Weiden war Jahreshauptversammlung unseres Wandervereins. Wir saßen am Tisch uns gegenüber und ich schaute in Ihre blauen Augen. Ab und zu lächelte Sie mich an und ich lächelte zurück und keiner merkte etwas von unserer Zweisamkeit.
Wir fuhren zusammen zurück über die Autobahn nach Köln.
„Ich muss Dir etwas sagen, aber sei mir nicht böse!“
„Was konnte das schon sein?“, dachte ich.
„Ich möchte unsere Beziehung beenden“, sagte Sie. Ich dachte gar nichts mehr, war froh, dass ich nicht gegen die Leitplanke fuhr.
„Warum, warum?“, stotterte ich, „wir kennen uns erst so kurz! Warum können wir es nicht versuchen, wir haben es doch nicht einmal richtig angefangen. Gib mir eine Chance.“ Sie drehte sich zu mir: „Du bist so plötzlich in mein Leben getreten, ich kann gar nicht klar denken, so drängst Du Dich in mein Leben. Ich müsste meine Gewohnheiten ändern und Du erzählst mir so viel und ich will Dir nicht immer zuhören. Lass uns so leben, wie wir bisher gelebt haben. Jeder geht seine eigene Wege.“ Was sollte ich tun? Fluchen, weinen, es gab kein Nachdenken. Ich fuhr Sie nach Hause und als ich alleine war, heulte ich wie unser kleiner Pudel, wenn jemand aus Versehen auf seinen Schwanz getreten hatte. „Träumer, Spinner, reiß Dich zusammen. So ist nun mal das Leben. Aber warum musste meins so sein?“
Das einzige, was ich von Ihr noch zum Abschied bekam, war ein Lächeln.


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