Ich war acht Jahre alt, als mein Vater mich und meine Mutter 1982 verließ. Und ich war zu jung, um zu verstehen, dass ein Paar – dass Eltern – sich trennen können. Wir lebten in der Nähe von Köln, er zog ins 600 Kilometer entfernte München. Vater war damals 30 Jahre alt und fand dort eine neue Freundin. Ich besuchte sie dreimal innerhalb der nächsten beiden Jahre, dann verschwand er komplett. Er stoppte die Unterhaltszahlungen, Briefe an seine Adresse kamen zurück. Mein Opa hatte inzwischen die Vaterrolle übernommen und er behielt sie, auch als meine Mutter einen neuen Partner kennenlernte, mit dem ich zunächst nicht sehr gut klarkam.
Jahre zogen ins Land, in denen mir immer wieder gesagt wurde, ich solle meinen Vater vergessen – was ich wohl auch irgendwann tat. Als ich 14 war, starb mein Opa sehr plötzlich. Es war hart, ihn zu verlieren, aber das Leben ging weiter. Meine Oma und meine Mutter waren für mich da und selbst mein Stiefvater war irgendwann gar nicht mehr so übel. Die ersten Freundinnen kamen und gingen. Schule, Freunde, Partys und das Erwachsenwerden generell hielten mich beschäftigt.
Ich war 19, als mein bester Freund sich selbst tötete. Er sprang aus Liebeskummer vor einen Zug. Es war dieser Sommer, in dem ich die erste Panikattacke meines Lebens bekam. Es sollte nicht die letzte bleiben. Kurze Zeit später wurde Krebs bei meiner Mutter diagnostiziert. Mit 23 zog ich von zu Hause aus, baute mir ein eigenes Leben auf, wurde Journalist. Mutter starb, als ich 27 war. Zwei Jahre später folgte ihr meine Oma. Abgesehen von meinem Stiefvater war ich nun alleine. Und die Panikattacken kehrten zurück.
In dieser Zeit dachte ich viel über meinen Vater nach. Lebte er noch? Würde er mich nach all den Jahren sehen wollen? Meine Bemühungen, ihn ausfindig zu machen, verliefen im Sande. Als letzten Versuch heuerte ich nach zwei Jahren Suche einen Detektiv an, der ihn tatsächlich aufspüren konnte! Mein Vater lebte in Hamburg, zusammen mit derselben Partnerin wie damals, arbeitete als Kellner. Mein erster Brief an ihn blieb unbeantwortet, ein zweiter ebenfalls. Ich gab auf.
Doch ein weiteres Jahr später rief er mich plötzlich an. Nach ein wenig Geplänkel berichtete er mir, dass er sehr krank sei. Krebs. Eine Woche danach – an einem 30. Dezember – trafen wir uns in einer Bar in Hamburg. Es war ein überwältigender, bizarrer Moment. Wir tranken die ganze Nacht. Er redete über sich selbst, darüber, wie das Leben für ihn in den vergangenen zwanzig Jahren so gelaufen war. Kein Wort darüber, warum er damals verschwunden war. Nicht viel Interesse daran, was mir so geschehen war. Es fühlte sich an wie eine durchzechte Nacht mit einem Fremden. Kurz bevor wir uns am frühen Morgen voneinander verabschiedeten, gab er mir ein Päckchen Zigarettenfilter, die er ständig benutzte. Einfach nur, da wir kurz zuvor über das Rauchen gesprochen hatten. „Probier’ sie aus, das ist gesünder“, sagte er. Diese Nacht war das erste und letzte Mal, dass sich unsere Wege seit meinen Kindertagen kreuzten.
Ich entschied, sechs Wochen später nach Hamburg zurückzukehren, um ihn ernsthaft zur Rede zu stellen. Doch kurz vor meiner Abreise rief mich seine Freundin abends an und sagte, dass er im Sterben liege. Im Hintergrund konnte ich seine Schmerzensschrei hören. In derselben Nacht starb er. Nach all diesen Jahren war das einzige, das für mich von meinem Vater übrig geblieben war, ein kleines, hässliches Päckchen Zigarettenfilter. Doch die Panikattacken kehrten nie mehr zurück. Wohl, weil ich alles versucht hatte.
Ich schreibe diese Worte exakt zehn Jahre nach dieser verwirrenden Nacht in Hamburg, da ich die Filter kürzlich in einer Schublade wiedergefunden habe.
Sie loszuwerden ist längst überfällig.


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