Nebel haben uns unvorbereitet gefunden, denn, um ehrlich zu sein, lebten wir gut in unserer bescheidenen, vierköpfigen Familie. Ganz zufällig ging ich mit meiner Kollegin Nada zu einem Grenzposten in Melja, auf der Suche nach Nadas Tante und Onkel, um ihnen etwas zum Essen zu bringen. Die Deutschen haben sie inhaftiert und führten sie weg von Maribor. Am Ende suchten wir sie an der Zollstelle, wo man Kriegsgefangene hielt: die Engländer auf der südlichen Seite und die Jugoslawen auf der nördlichen. Als der Wächter kurz wegging und uns den Rücken kehrte, gelang es uns, die Tasche mit Lebensmitteln über den Zaun zu schmuggeln. Ein großgewachsener und gut aussehender Soldat benutzte diesen Moment und hielt meine Hand einige Augenblicke; dann drückte er mir ein Zettelchen in die Hand mit seiner maschinengeschriebenen Adresse in Banja Luka. Er war Feldwebel Nummer 1626.
Am nächsten Tag waren da keine englischen oder jugoslawischen Kriegsgefangenen mehr. Glücklicherweise war der Wächter, ein österreichischer Soldat, zuvorkommend und sagte uns, dass Kroaten nach Hause geschickt worden waren, während andere mit dem Zug Richtung Norden abtransportiert wurden.
Da ich die Adresse von unserem Soldat hatte, schrieb ich ihm am 1. Dezember 1942, weil ich wissen wollte, ob er heil nach Hause gekommen ist. Im Februar nächsten Jahres (1943) erhielt ich eine Militärpostkarte aus dem Lager in Landeck (Österreich) – einen Brief von meinem Soldaten. Er konnte sich nicht erinnern, wer ich war, weil sein Bruder aus Banja Luka (wo sein Haus niedergebrannt wurde) ihm meine Adresse ohne jegliche Erklärung geschickt hatte.
Natürlich wünschte ich meinem Soldaten alles Gute und beschloss, ihm mein Foto zu schicken. Er erhielt es mit Freude und antwortete sofort. Das war der Anfang unserer Korrespondenz – ein Brief innerhalb weniger Wochen, manchmal sogar weniger Tage. Mit den Briefen erhielt ich auch ein Foto von meinem Soldaten, nicht nur eins, sondern einige. Ich habe ihm auch weitere Fotos geschickt, um ihn zu trösten, denn er lebte in Gefangenschaft, weit weg von seinem Heimatland, von seiner Familie, von der Hoffnung, dass das schwierige Leben mit deutschen Wächtern bald ein Ende nehmen würde. In meinen Briefen ermutigte ich ihn, stark zu bleiben und weiter zu hoffen, dass eines Tages alles wieder in Ordnung sein wird.
Meine Briefe und Fotografien waren der Grund, warum der arme Kerl sich in mich verliebte. Ich fühlte mich für ihn „verantwortlich“ und versuchte deswegen, seine Hoffnung aufrecht zu erhalten durch die langen Kriegsjahre. Ich habe ihm auch ein Paar warme Socken geschickt und andere Sachen. Als die Engländer das Landecker Lager erreichten, schickte mir mein Soldat 3 Stück englische Schokolade und 3 Tüten englischen Tee (gebracht von einem mir unbekannten Burschen aus Maribor).
Am 8. Mai 1945 schickte mir mein Soldat die letzte Karte aus dem Lager Landeck.
Was folgte, war die ganz unerwartete Ankunft meines Soldaten in Maribor. Sehr bald freundete er sich an mit meinen Eltern und meiner Schwester. Ich war den ganzen Tag sehr beschäftigt. Wir mussten uns in Maribor Lebensmittel und andere notwendige Sachen sichern, so dass ich selten zu Hause war. Trotzdem fand ich Zeit, mit meinem Soldaten zu einer Partisanenversammlung im Park von Maribor zu gehen, wo wir eine Weile auf der Bank unter einer Rosskastanie saßen. Es geschah damals, Auge in Auge, dass er mich fragte, ob ich am nächsten Morgen mit ihm nach Belgrad fahren würde, weil sein Onkel dort eine Bäckerei hatte. Er war sehr enttäuscht, als ich ihm sagte, dass ich für so etwas nicht vorbereitet bin. Am nächsten Morgen fuhr er nach Belgrad. Vor der Abreise gab er mir eine Goldmünze.
Was folgte, war eine Postkarte aus Zagreb, vom 30. August 1945, mit der er mich benachrichtigte, dass er auf dem Weg nach Belgrad ist, wo er weit weg von mir sein wird, allein mit seinen Erinnerungen. Die Postkarte war unterschrieben mit: „Immer noch an dich denkend, dein Vlajo.“
Er schrieb mir auch weiter aus Belgrad; er ließ mich wissen, dass er mit dem Ziel, mich zu vergessen, leider schnell entschlossen eine junge Studentin heiratete, mit der er dann zwei Söhne hatte. Er hoffte, dass wir, trotz der neuen Verhältnisse, Freunde bleiben werden, weil wir uns schon so lange kannten – obwohl wir eigentlich nur einige Stunden zusammen verbracht hatten. Ich denke auch oft an ihn, weil ich aus der Goldmünze, die er mir gegeben hat, meinen Ehering habe machen lassen. Ich heiratete 1956 und bekam drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, dazu drei Enkel und eine Enkelin. Leider bin ich schon seit 20 Jahren Witwe, aber meine Kinder und Enkel helfen mir weiter zu leben und auszuhalten.
– M.R., 7. Mai 2007


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