Meine Großtante, Erna Freifrau v.E., eine geachtete Dame in der Familie, war vor allem die gefürchtete Hauptanteilseignerin einer großen Fabrik, in der mein Vater Geschäftsführer war. Ihr Mann, mein Großonkel Ferdinand, starb wenige Jahre nach dem Krieg. Sie starb 1972. 
Viele Jahre später erhielt ich von meiner Mutter eine edle Truhe, mit Initialen „ET“ in Intarsien im Deckel eingelassen, gefüllt mit großartigen Zeichnungen und Skizzen, Zeichenmaterial und einigen Dokumenten. Es waren insbesondere Übungen aus der Zeit ihres Studiums ab 1902 an der Kunstakademie in Berlin. Sie war offensichtlich sehr talentiert, das letzte Bild entstand 1909.
Niemand wusste von dieser Begabung und ihrer offenbar großen Neigung zur Kunst. Sie selbst hat es nie erwähnt.
Die Bilder sind bis 1905 mit ihrem Geburtsnamen Rosen unterschrieben, danach zeichnete sie mit Traube. Eine Verlobungsanzeige mit Arthur Traube war in der Truhe zu finden. Auch von dieser Ehe wussten wir nichts.
Recherchen ergaben, das sie Jüdin war, wie auch ihr Mann. Er, ein bekannter Chemiker, emigrierte 1932 in die USA, offensichtlich ohne sie, denn, so schien es, die Beziehung war Anfang der 20er Jahre bereits zerbrochen. Erna fand Unterschlupf als Haushälterin in der Familie meines Großonkels in Berlin Dahlem und überlebte so das Dritte Reich. 1945 heiratete sie ihn (nachdem, wie nun herauszufinden war, ihr erster Ehemann 1945 in New York gestorben war). Ihre Vergangenheit war uns völlig unbekannt. Sie hat nie wieder gezeichnet, nie ihre jüdische Identität thematisiert oder von ihrem ersten Mann gesprochen; eine zerbrochene Beziehung zur Kunst, dem Judentum und ihrem uns unbekannten Arthur Traube.
In der Truhe waren mehrere Skizzen und Zeichnungen um 1905, die ihren Mann zeigen; nicht beschriftet, aber nun doch zuzuordnen.
Es ist erstaunlich, was für eine ganz andere Erscheinung sie in unsere Familie war ohne die Kenntnis ihrer Vergangenheit.


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