Dieser Keks symbolisiert für mich einen Wendepunkt in meinem Leben, einen Anfang von einem Ende und eine kleine Rebellion:
Da stand ich nun, mit meinen Stiefeln im Schnee, vor seiner Haustür und klopfte wie wild dagegen. Alleine, hier in dieser gottverlassenen Gegend, wo sich Hells-Angels-Bosse und Sekten gute Nacht sagen.
Er weiß höchstwahrscheinlich bis heute nichts von dieser Nacht-und-Nebel-Aktion, nur eine Person außer mir weiß davon – plus dem Taxifahrer, der mich in dieser Nacht gefahren hat. Dieser wartete zum Glück in Reichweite des Hauses. Nachdem ich mehrmals vergeblich versucht hatte, meinen „Almost-Lover“ (richtig offiziell waren wir noch nicht zusammen, auch wenn es sich so anfühlte) anzurufen und das Hämmern gegen die Tür nichts brachte, rannte ich winkend zurück zum Taxi; der Taxifahrer war in diesem Moment echt meine Rettung – es war gegen 22:00 Uhr, es hatte Minusgrade, mein „Almost-Lover“ lebte recht abgeschieden, in einem 20-Seelen-Kaff (wenn es hoch kommt), das nächste Dorf ca. 4 km entfernt und der Weg dorthin, wie gesagt, auch noch durch unsichere Gefilde, wo sich schon einmal dubiose Rockerbanden oder Sektenmitglieder aufhalten. Von letzteren wurde er regelmäßig observiert, da er Sektenaussteiger ist, weshalb er auch keine Klingel installiert hatte und die Rollläden immer heruntergelassen waren. Durch die Lamellen des Rollladens hatte ich in jener Nacht Licht erkennen können und seine Jacke, die auf einem Stuhl hing. Aber offensichtlich war er nicht da, schlief, oder hörte mich nicht.
So fuhr mich der Taxifahrer also wieder Richtung Bahnhof, allerdings startete die nächste Bahn in meine von dort aus immer noch 70 km entfernte Heimat erst eine Stunde später, weshalb der nette Taxifahrer beschloss, mich noch eine Stunde kostenlos mit ständig wechselnden Fahrgästen auf der Rückbank herumzukutschieren, da auch er die Gegend wohl für nicht so sicher hielt. Dummerweise fiel mein letzter Zug dann plötzlich ganz aus. Eine Taxifahrt nach Hause wäre unbezahlbar gewesen, ich musste also irgendwo schlafen!
Zusammen mit dem netten Taxifahrer und ein paar hilfsbereiten Fahrgästen von der Rückbank gelang es, ein recht günstiges Hotel zu finden, was der Fahrer ansteuerte, ohne einen weiteren Cent zu berechnen.
Im Hotelzimmer angekommen fand ich diesen Keks auf dem Kopfkissen schlummernd.
Ich habe ihn nie angerührt, weil er mich immer wieder sehr an dieses besondere, zwiegespaltene Erlebnis in rauer Februarnacht erinnert. So alleingelassen ich mich in dieser Nacht von ihm fühlte, so aufgefangen fühlte ich mich von den Einheimischen. Vor allem aber fühlte ich mich auch ein bisschen wie eine Heldin: ich hatte es wirklich durchgezogen!
Es war der Erste – wenn auch missglückte – Überraschungsbesuch, den ich jemals einem Menschen, der mir so ans Herz gewachsen war, abgestattet habe. Ich wollte damit eine Antwort auf eine seit fast zwei Wochen anhaltende Funkstille erhalten und ihm zeigen, wie viel er mir bedeutete. Und das tat er wirklich! Tatsächlich war ich vorher nur ein einziges Mal ansatzweise so sehr verliebt! Warum auch immer er mich so fasziniert hat … es muss seine charmante Art gewesen sein, seine Worte und das Vertrauen, das er mir entgegenbrachte, sodass er mich sogar schon seinen Eltern vorgestellt hatte. Ansonsten hätte ich niemals über das Esoterische, Verwegene, Böse und Verstörende aus seiner Vergangenheit und zum Teil auch Gegenwart hinwegsehen können! Wer sitzt schon gerne auf dem Beifahrersitz, während der Freund von irgendwelchen „Psycho-Sektierern“ verfolgt wird?
Wie auch immer: Einige Tage später, am Valentinstag, wiederholte ich meinen Überraschungsbesuch, diesmal mit Erfolg! Die Tür öffnete sich, große Augen sahen mich an. Gespräche wurden geführt, Schach gespielt und Entschuldigungen ausgesprochen. Alles schien perfekt, doch am nächsten Tag war unser Schicksal offenbar besiegelt. Als wir uns vormittags am Bahnhof verabschiedeten, schmiedete er Pläne für die nächsten Treffen, dazu sollte es jedoch nie kommen. Noch am selben Abend brach er den Kontakt völlig unangekündigt, ohne für mich direkt ersichtlichen Grund und für immer ab!
Ich habe ihn nie wieder gesehen, weiß allerdings über soziale Netzwerke, dass er zwei Wochen später etwas mit seiner besten Freundin angefangen hat, die beiden sind noch immer ein Paar.
Auf einen Überraschungsbesuch werde ich wohl nie wieder bei jemandem vorbeikommen!


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