Ich wollte das Fahrrad nie so richtig. Seit zwei Jahren steht es bei mir mit einem platten Reifen vor der Tür. Es ist eines der ganz wenigen Dinge, die ich noch von ihm habe. Das meiste andere ist verbrannt: in einem Grilleimer, den ich mit einer Freundin angezündet hab – mitten in der Nacht, als ich noch so unsagbar verzweifelt war. Aber alles der Reihe nach:

Ich war verknallt in diesen unwahrscheinlich tollen Typ, sein Lachen, alles. Und er fand mich gut, ich konnte es nicht fassen. Spaß, Reisen, ja, nein, vielleicht, good times, bad times. Wir waren die Top-Kandidaten für eine Never-Ending-Story. Aber es fühlte sich besonders an. Vielleicht war es auch der Hauch von Drama oder mein naiver Gedanke „er liebt mich“, das es so besonders gemacht hat.
Das Fahrrad, das nun vor meiner Tür vor sich hin rostet, war eigentlich nur ein Ersatz. Für eines, das er mir direkt am Anfang unseres Kennenlernens besorgt hat: eines, das nach aufwändiger Recherche gefunden wurde: ein schickes kleines Rennrad, oldschool. Ich liebte es. Und war direkt noch verknallter ihn in. Als es mir viele Monate später geklaut wurde, ging es mit uns schon bergab. Damals besorgte mir wieder ein neues, aus dem Laden seines Vaters: Ein altes Damenrad, gebraucht, solide, praktisch. Eines, das eben gerade verfügbar war. Etwa so, wie ich mich zu der Zeit gefühlt habe.
Bei ihm hatte alles mit Fahrrädern zu tun. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass diese beiden Räder (Oldschool-Liebes-Rennrad und Zweite-Wahl-Drahtesel) genau in dem Moment auftauchten, als die ganze Scheiße nach oben schwoll. Er hatte sich getrennt. Kurz nachdem er versuchte mich zurückzugewinnen, passierte es: Das Ersatzrad machte schlapp. Und während ich das platte Rad durch die unbekannte Nachbarschaft schob, sah ich es: mein geklautes, heiß geliebtes Rennrad! Ich hatte es wiedergefunden. Echt!
Normalerweise würde man jetzt erwarten, dass wir nach diesem Liebeszeichen wieder zusammenkamen: living happily ever after. Aber es wurde viel unfassbarer. Denn die Wahrheit kam raus, mitten in seinen Bemühungen um mich. Er hatte gelogen, so richtig, es waren echte Lügengerüste – wie in einer schlechten Telenovela: Erfundene Krankheiten, viele Frauen, gleichzeitige Liebesschwüre, Lügen, Manipulationen. Wenn ich es aufschreibe, klingt es absurd, wie ausgedacht. In dieser Nacht als ich es erfuhr, aber habe ich alles verbrannt.

Es war das erste Mal, dass ich jemanden wirklich aus meinem Leben entfernt habe: zuerst atemlos, im Schock wie mit einem stumpfen Messer aus der Haut geschnitten. Dann überlegt, und irgendwann fast natürlich. In den zwei Jahren seitdem habe ich ihn nie mehr gesehen. Aber alles gesagt, versucht zu verstehen, was „wirklich passiert“ ist. Und irgendwann alles aufgegeben. Und ich glaube, wirklich verstanden, dass sein „Ich kann dir nicht erklären wieso“ alles ist, was als Antwort bleibt. Wenn ich manchmal doch an ihn denke, grinse ich über die guten Zeiten, manchmal spüre aber auch die Wut von damals. Meistens aber, wenn ich morgens an dem Rad vorbeigehe, passiert etwas, was mir damals unmöglich schien: es fällt es mir gar nicht mehr auf.

Heute habe ich es mir noch einmal richtig angesehen: das Fahrrad mit dem platten Reifen. Und ich weiß jetzt, ich werde es nie reparieren. Weil man nicht alles reparieren muss. Ein neuer Gedanke – und er tut gar nicht weh. Er macht irgendwie leichter.


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